Re:GLL-03: Arbeitslosen von Marienthal - Vorläufer von ANT?
Kommentar vonbaumgartneram
04.11.2009 09:30
> Ich weiß nicht, ob das hierher gehört.
Der Latourtext ist so grundsätzlich, dass es wahrscheinlich kaum etwas gibt, was nicht hierher gehört ;-) Außerdem sind Hinweise, Verknüpfungen (auch wenn sie sich dann nicht als passend herausstellen) genau das, was wir mit dieser gemeinsamen Lektüre erreichen wollen.
Mit einem österreichischen Soziologiestudium muss man natürlich die Marienthal-Studie kennen :-) Sie ist methodisch wirklich gut, weil das Zeitverhalten Arbeitsloser mit vielen Tricks aus der Methodenkiste untersucht wird. Das Buch ist gut geschrieben und es gibt auch einen Superfilm dazu ("Einstweilen wird es Mittag"), der einem sehr betroffen macht: Am Ende des Films ziehen die WissenschaftlerInnen ab und es kommen die Nazis, deren Propaganda auf fruchtbaren Boden fällt.
"Die Arbeitslosen von Marienthal" werden immer als "Frontrunner" für qualitative Sozialforschung zitiert. Ich würde sie aber nicht als Vorläufer für ANT einordnen. Ich sehe eher einen Zusammenhang mit der Ethnomethologie, weil die AutorInnen vor allem eine dichte Beschreibung des Zeitverhaltens und der Zeitwahrnehmung vorgenommen haben und sie die traditionelle "Falle" der empirischen Forschung vermieden haben: Hypothese aufstellen, Hypothese überprüfen bzw. zu falsifizieren.
Nach den bisherigen Text würde ich eines der wesentlichen Charakteristika bei ANT in dem Netzwerk von humanen und nicht-humanen Aktanten sehen. Darauf geht aber die Marienthal-Studie nicht ein.
Aber vielleicht ist die Frage nach einem "Vorgänger", "Vorläufer" oder "Frontrunner" auch falsch gestellt: Wahrscheinlich ist es vielmehr so, dass bestimmte empirische Methoden einige Momente mit der ANT teilen, sozusagen einige der 5 Quellen der Unbestimmtheit teilen. Darauf geht ja Latour in der von Frank Vohle bereits zitierten Fussnote selbst ein (Nr.30 S.105f. der deutschen Fassung, bzw. Nr.66, S.60 der englischen Fassung). Da sagt er, dass z.B. der Ansatz der situierten Kognition die ersten 3 Quellen der Unbestimmtheit teilen. Unter diesem Aspekt scheint mir da und dort auch ein Teilen mit einer Unbestimmtheiten bei der Marienthal-Studie gegeben. So ist möglicherweise Dislokalität ("Handeln wird aufgehoben", Unbestimmtheit Nr.2) auch bei der Jahoda/Lazarsfeld/Zeile-Studie gegeben.
Ich schreibe "möglicherweise", weil das interessante bei der Studie eigentlich gerade ist, dass der traditionelle Handlungsbegriff umgedreht wird und "Nicht-Handeln" im Mittelpunkt der Untersuchung steht: Da wird ein Mann beobachtet, der sich langsam und umständlich eine Pfeife anzündet und sich dann gemächlich aus dem Schatten des Hauses zur Mitte des Platzes, wo der Kirchturm steht, begibt. Als er dann endlich dort ankommt ist es "einstweilen … Mittag geworden" (siehe Filmtitel).
Wenn aber "Nicht-Handeln" (unter Anführungszeichen, weil natürlich z.B. sich nicht-bewegen, nicht kommunizieren auch eine Handlung bzw. Kommunikation darstellt. Das hat Watzlawik für die Kommunikation schön gezeigt.) untersucht wird, dann gibt es natürlich automatisch eine Nähe zur 2. Quelle der Unbestimmtheit ("Handeln wird aufgehoben").Aber soweit ich weiß, gehen die AutorInnen theoretisch darauf nicht. Es ist also eher eine Ähnlichkeit aus verschiedenen Gründen, denn eine Geistesverwandschaft.
PS.: Nur so ganz nebenbei: Interessant wie die obige "unschuldige" Frage eine ganze Batterie neuer Gedanken, Analogien, Querverbindungen, Abgrenzungen etc. auslösen. Von wegen vielleicht nicht dazu gehören...
> Ich weiß nicht, ob das hierher gehört.
Der Latourtext ist so grundsätzlich, dass es wahrscheinlich kaum etwas gibt, was nicht hierher gehört ;-) Außerdem sind Hinweise, Verknüpfungen (auch wenn sie sich dann nicht als passend herausstellen) genau das, was wir mit dieser gemeinsamen Lektüre erreichen wollen.
Mit einem österreichischen Soziologiestudium muss man natürlich die Marienthal-Studie kennen :-) Sie ist methodisch wirklich gut, weil das Zeitverhalten Arbeitsloser mit vielen Tricks aus der Methodenkiste untersucht wird. Das Buch ist gut geschrieben und es gibt auch einen Superfilm dazu ("Einstweilen wird es Mittag"), der einem sehr betroffen macht: Am Ende des Films ziehen die WissenschaftlerInnen ab und es kommen die Nazis, deren Propaganda auf fruchtbaren Boden fällt.
"Die Arbeitslosen von Marienthal" werden immer als "Frontrunner" für qualitative Sozialforschung zitiert. Ich würde sie aber nicht als Vorläufer für ANT einordnen. Ich sehe eher einen Zusammenhang mit der Ethnomethologie, weil die AutorInnen vor allem eine dichte Beschreibung des Zeitverhaltens und der Zeitwahrnehmung vorgenommen haben und sie die traditionelle "Falle" der empirischen Forschung vermieden haben: Hypothese aufstellen, Hypothese überprüfen bzw. zu falsifizieren.
Nach den bisherigen Text würde ich eines der wesentlichen Charakteristika bei ANT in dem Netzwerk von humanen und nicht-humanen Aktanten sehen. Darauf geht aber die Marienthal-Studie nicht ein.
Aber vielleicht ist die Frage nach einem "Vorgänger", "Vorläufer" oder "Frontrunner" auch falsch gestellt: Wahrscheinlich ist es vielmehr so, dass bestimmte empirische Methoden einige Momente mit der ANT teilen, sozusagen einige der 5 Quellen der Unbestimmtheit teilen. Darauf geht ja Latour in der von Frank Vohle bereits zitierten Fussnote selbst ein (Nr.30 S.105f. der deutschen Fassung, bzw. Nr.66, S.60 der englischen Fassung). Da sagt er, dass z.B. der Ansatz der situierten Kognition die ersten 3 Quellen der Unbestimmtheit teilen. Unter diesem Aspekt scheint mir da und dort auch ein Teilen mit einer Unbestimmtheiten bei der Marienthal-Studie gegeben. So ist möglicherweise Dislokalität ("Handeln wird aufgehoben", Unbestimmtheit Nr.2) auch bei der Jahoda/Lazarsfeld/Zeile-Studie gegeben.
Ich schreibe "möglicherweise", weil das interessante bei der Studie eigentlich gerade ist, dass der traditionelle Handlungsbegriff umgedreht wird und "Nicht-Handeln" im Mittelpunkt der Untersuchung steht: Da wird ein Mann beobachtet, der sich langsam und umständlich eine Pfeife anzündet und sich dann gemächlich aus dem Schatten des Hauses zur Mitte des Platzes, wo der Kirchturm steht, begibt. Als er dann endlich dort ankommt ist es "einstweilen … Mittag geworden" (siehe Filmtitel).
Wenn aber "Nicht-Handeln" (unter Anführungszeichen, weil natürlich z.B. sich nicht-bewegen, nicht kommunizieren auch eine Handlung bzw. Kommunikation darstellt. Das hat Watzlawik für die Kommunikation schön gezeigt.) untersucht wird, dann gibt es natürlich automatisch eine Nähe zur 2. Quelle der Unbestimmtheit ("Handeln wird aufgehoben").Aber soweit ich weiß, gehen die AutorInnen theoretisch darauf nicht. Es ist also eher eine Ähnlichkeit aus verschiedenen Gründen, denn eine Geistesverwandschaft.
PS.: Nur so ganz nebenbei: Interessant wie die obige "unschuldige" Frage eine ganze Batterie neuer Gedanken, Analogien, Querverbindungen, Abgrenzungen etc. auslösen. Von wegen vielleicht nicht dazu gehören...